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Kritik am Aufenthaltsraum

Es gibt Dinge, die ich nicht begreifen kann. Ich verstehe zum Beispiel nicht, wie man die Gestaltung der Wände unseres Aufenthaltsraums einem Graffitikünstler überlassen konnte. Und ich bin nicht der einzige, der sich diese Wände verständnislos anschaut.

Meine Verständnislosigkeit rührt jedoch keineswegs daher, dass ich Graffiti prinzipiell ablehne. Im Gegenteil, manche der gesprühten Kunstwerke gefallen mir sogar. Technisch ist das Graffito in unserem Aufenthaltsraum auch gut gemacht. Etwas anderes wäre auch von einem professionellen Graffitikünstler nicht zu erwarten gewesen.

Genau hierin liegt aber auch ein Hauptproblem der Wandgestaltung. Denn dieses Graffito eines professionellen Sprühers haben keinerlei Bezug zu unserer Schule. Viel besser wäre es gewesen, die Wände im Rahmen eines BK-Projekts oder Schülerwettbewerbs zu gestalten. Diese Meinung haben auch die meisten der von mir befragten Schüler.

Information:
Bilder zum Artikel gibts hier.

Die Wand als Werbefläche

Was den professionellen Graffitikünstler betrifft, gibt es auch noch ein anderes Problem. Offensichtlich hat er seinen Auftrag dazu genutzt, auf der Schulwand Werbung in eigener Sache zu machen. Hierbei stört mich nicht einmal besonders, dass er seine eigene Handynummer über die gesamte Wandbreite gesprüht hat. Das eigentliche Problem ist wesentlich unscheinbarer und teilweise hinter Tischen verborgen. Schiebt man aber die Tische zur Seite, so kommt der kleiner Schriftzug „30er“ zum Vorschein. Mit diesem hat es eine interessante Bewandtnis auf sich, wie ein anderer Schülerzeitungsredakteur in Erfahrung bringen konnte – der Tag „30er“ weist auf eine Feuerbacher Gang hin. Der Gangname leitet sich von der Tatsache ab, dass Feuerbach bis zum Jahr 1993 die Postleitzahl „7 Stuttgart 30“ hatte.

Anscheinend ist die im Schulhaus beworbene Gang auch nicht vollkommen unbedeutend. Zumindest sind auf der Festhalle und der Jahnhalle ebenfalls „30er“-Schriftzüge angebracht. Auch bei Youtube ist diese Gang zu finden. Hier sind das Video mit dem Titel „Feuerbach (Stadtbezirk 30)“ und die dazugehörenden Kommentare besonders aufschlussreich. Allerdings würde deren Wiedergabe den Ramen dieses Artikels sprengen. Daher möchte ich nun wieder auf das Graffito zurückkommen.

Der Totenkopf

Für mich stellte sich beim Betrachten des Graffito die grundsätzliche Frage nach der Zweckmäßigkeit. Hausaufgaben machen, ausruhen, Musik hören – das alles sind Dinge, die ohne Graffiti an den Wänden mindestens ebenso gut funktionieren. Auf der einen Seite ein Totenkopf und auf der anderen ein knalliger Leibnizschriftzug, inwieweit sich das positiv auf die Atmosphäre auswirkt, ist für mich fraglich.

Interessant ist auch die Tatsache, dass der Totenkopf ein Schild mit einem Text hält. Nachdem man diesen entziffert hat, weiß man immerhin, warum ein Totenkopf auf die Schulwand gesprüht wurde – er ruft dazu auf, das Zimmer sauber zu halten. Aha. Und was hat ein Totenkopf mit dieser Aufforderung zu tun? Droht der qualvolle Tod durch Rektoratsarrest bei Zuwiderhandlung?

Eine vernünftige Erklärung des Zusammenhangs zwischen Totenkopf und Inhalt des Schildes habe ich nicht gefunden. Dafür beantwortet ein Blick auf die Wände im Aufenthaltsraum die Frage, ob das Schild etwas genützt hat. Auch wenn man das Graffito nicht als Beschmutzung ansieht, ist dies nicht der Fall. So ist mir kein anderer Raum in unserem Schulgebäude bekannt, an dessen Wände sich so viele Schüler unüberlegt verewigt haben wie im Aufenthaltsraum. Nach meinem Eindruck hat das Anbringen des Graffito die Anzahl der Verewigungen sogar noch erhöht. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass die Hemmschwelle, eine saubere, weiße Wand zu beschmieren wesentlich größer ist als eine schon besprühte Wand zu beschmutzen.

Klebrig und ekelerregend

Einen Vorteil hat jedoch das Graffito – auf einer bemalten Wand fallen Kritzeleien weniger auf. Allerdings funktioniert dies nicht so gut wie das Verbergen von Schmutz durch einen gemusterten Teppich, so dass die Wände zunehmend unschöner werden. Daher ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Wände optisch überhaupt nicht mehr zumutbar sind.

Bei den Tischen ist dies teilweise leider schon der Fall. Liegt die Reinigung des Aufenthaltsraums ein paar Tage zurück, bilden Saftreste und Edingspuren zusammen mit Brotkrümel eine klebrige Schicht. Ebenfalls ekelerregend ist teilweise auch der Boden. Von Brotstücken, Flaschendeckeln über Verpackungen bis hin zu Servietten findet man auf diesem an manchen Tagen alles. Im Aufenthaltsraum herrschen also traurige Zustände – er ist wahrlich kein Aushängeschild für das Leibniz-Gymnasiums und je nach Verschmutzungsgrad ist seine Benutzung nicht zumutbar.

Ursachen der Verschmutzung

Nun stellt sich natürlich die Frage, warum der Aufenthaltsraum mit Abstand das dreckigste Zimmer der gesamten Schule ist. Meiner Meinung nach liegt es unter anderem daran, dass sich niemand der Lehrer für diesem Raum verantwortlich fühlt. Stattdessen wurde die Zuständigkeit für den Raum laut einer Aussage des Rektorats auf eine zehnte Klasse übertragen. In der Theorie ist dies auch im Sinne der Schülermitverantwortung eine gute Idee. In der Praxis scheinen Schüler jedoch der Verantwortung für den Aufenthaltsraum nicht gewachsen zu sein. Der Aufenthaltsraum wirkt verwahrlost.

Für die zunehmende Beschmutzung der Wände durch Schüler ist wie oben dargestellt höchstwahrscheinlich das Graffito schuld. Dies ist jedoch nicht seine einzige negative Auswirkung auf den Zustand des Raumes. So bin ich mir ziemlich sicher, dass durch das Graffito auch die Verschmutzung des Bodens und der Tische zugenommen hat. Schließlich wecken Graffiti Assoziationen mit Bahnhöfen, Brücken und den besprühten Wänden unbewohnter Häuser – kurz, die meisten Schüler werden Graffiti mit Verwahrlosung verbinden. Und der Anreiz, ein ohnehin schon verwahrlostes und dreckiges Klassenzimmer nicht weiter zu verschmutzen ist ziemlich gering. Die dadurch auftretende Verschmutzung trägt wiederum zu einer weiteren Senkung des Willens bei, den Raum sauber zu halten, wodurch das ganze Problem noch einmal verschärft wird.

Bald Renovierung notwendig

Daher ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine Renovierung unabdingbar wird. Hoffentlich heißt es dann nicht, die Schüler seien selbst Schuld am schlechten Zustand des Aufenthaltsraums und man werde deswegen keine erneute Renovierung durchführen. Denn die Schuld der Schüler taugt fast nie zur Begründung von Entscheidungen. Schließlich haben in der Regel nur sehr wenige Schüler tatsächlich Mist gebaut. Und deswegen alle Schüler zu bestrafen entspricht weder den Leitideen unserer Schule noch den Werten, die in der Schule vermittelt werden sollen. Ich hoffe daher, dass es zu keiner Kollektivstrafe kommt und der Raum, wenn notwendig, auch wirklich nochmal renoviert wird. Meiner Meinung nach sollten dann die Wände weiß gestrichen oder im Rahmen eines Projekts von Schülern gestaltet werden.

 

von Sebastian am 14. Jun 2008